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Vortrag von Hansjörg Küster, Leibniz Universität Hannover über "Kooperation zwischen Vor- und Frühgeschichte und Botanik"

Heute gab es in unserem Kolloquium einen Vortrag von Prof. Küster von der Uni Hannover. Es ging ihm hauptsächlich darum die enge und  auch direkte Zusammenarbeit von Archäologen und Botanikern zu fördern oder zumindest ein gegenseitiges Verständnis zu entwickeln. Der Vortrag war einerseits sehr elementar, enthielt einen Humor dem ich nicht folgen konnte (ich finde es nie gut sich in einem Vortrag über andere lustig zu machen, schon gar nicht unter Verwendung von stereotypen Aussagen) hatte aber auch einige interessante Aspekte zu bieten.

Zum einen gefielen mir seine Aussagen zur Entstehung des „Nachhaltigkeitsbegriffes“ in der Forstwirtschaft.

Publius Cornelius Tacitus schrieb 98 n. Chr.  über das freie Germanien (Germania 5,1):  Terra, etsi aliquanto specie differt, in universum tamen aut silvis horrida aut paludibus foeda, humidior, qua Gallias, ventosior, qua Noricum ac Pannoniam aspicit; (Obwohl sich das Land nach seiner Erscheinung beträchtlich unterscheidet, ist es doch im allgemeinen entweder mit unwirtlichen Wäldern oder mit wüsten Sümpfen bedeckt;).

Seit dem 18. Jahrhundert wurde diese Aussage zunehmend als Grundlage benutzt eine Wiederaufforstung der Wälder Deutschlands durchzusetzen[1]

Friedrich Ludwig Jahn, der “Turnvater” Jahn, forderte während der Freiheitskriege allen Ernstes, man möge einen Wald gegen die Franzosen pflanzen, damit sie sich darin verliefen – genauso wie 1800 Jahre früher die Römer in der Schlacht am Teutoburger Wald[2].

Aus dem Nicht-Wissen der fortschreitenden Entwicklung und ständigen Anpassung eines Waldes an das Klima und auch an die Kulturansprüche des Menschen heraus versucht man einen „Idealwald“ zu erschaffen und künstlich am Leben zu erhalten. Was wir jedoch bräuchten wäre ein „vernünftiger“ Wald. Wie dieser konkret geartet sein solle verschwieg Prof. Küster. Aber alleine für das Bewusstmachen dass auch die Natur in einer ständigen Entwicklung steckt bin ich ihm dankbar. Vielen Menschen fehlt diese Vorstellung und es wird daher versucht einen vermeintlichen „Idealzustand“ wieder herzustellen, den es aber in Wirklichkeit nie gab.

Ein zweiter sehr interessanter Punkt war die Tatsache dass sich Wälder, die sich in einer Kulturlandschaft des  Menschen befinden, nicht laut Textbuch weiterentwickeln. Am Beispiel der Verbreitung von Eichen und Buchen zeigte er, dass die Ausbreitung von Buchen stark mit aufgegebenen Siedlungen verknüpft ist und nicht nur vom Klima oder der Temperatur abhängt.

Küster 2001, Abb. 2

An diesem Diagramm sieht man deutlich dass die Ausbreitung der Buche auch bei Klimaschwankungen die mit mehreren Grad Temperaturunterschieden einhergehen ungehindert voranging. Entscheidend war die Art der Landwirtschaft. In Zeiten einer shifting cultivation[3] nahm die Eiche kontinuierlich ab, die Buche aber zu. Erst mit einer dauerhaften Bewirtschaftung und festen Siedlungsstandorten nahm die Buche wieder ab.

verändert nach Küster 1999, Abb. 4

Ich könnte mir dies so erklären, dass für den Hausbau und als Brennstoff in prähistorischen Zeiten die Eichenwälder stark dezimiert wurden. Dadurch konnte sich die Buche dort besser ausbreiten, wo die gerbsäurebildende Eiche fehlte. Denn durch die Gerbsäure verhindert die Eiche das Wachstum von Konkurrenz.

Ab der LaTène-Zeit nahm der Bedarf an Buche zu, da diese die höchste Temperatur unter den  Holzkohlen liefert und für Glashütten aber auch für die härter gebrannte Keramik eine solch hohe Temperatur benötigt wird. Damit könnte der Rückgang der Buchenwälder zu erklären sein. Zusätzlich wurden aufgrund des festen Standortes der Siedlungen der Wald als Weidefläche benutzt wurde und deshalb vielleicht der Eichenbestand wieder gefördert wurde, man denke nur an die Schweinemast.

Ein dritter mir bis dahin nicht bekannter Punkt war die Tatsache dass Mohn aus dem westlichen Mittelmeerraum stammt und die Verbreitung die er in der Linearbandkeramik hatte durch Transfer in das Rhein-Meuse Gebiet kam. Als Zwischenglied wird hier die La Hoguette Kultur genannt, die genau zwischen Ursprungsgebiet und LBK Fundorten liegt, auch wenn dort noch kein Mohnsamen selbst gefunden wurde[4] was aber durchaus eine Forschungslücke sein kann, da Mohnsamen aufgrund seiner geringen Größe sehr schwer zu entdecken ist.

Alles in allem ein doch sehr lohnender Vortrag, auch wenn Prof. Küster durchaus etwas mehr Grundwissen in der Archäobotanik voraussetzen dürfte. Ganz so ignorant sind wir Archäologen doch auch wieder nicht.


[1] s. Küster, H. 1998. Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart, München.

[2] Küster, H. 2001. Auch der Wald hat seine Geschichte, Der deutsche Wald, 2001. (online: http://www.buergerimstaat.de/1_01/wald02.htm)

[4]  Bakels, C.C. Fruits and seeds from the Linearbandkeramik settlement at Meindling, Germany, with special reference to Papaver somniferum, Analecta Praehistorica Leidensia 25, 55-68.

Abbildungsnachweise:

Küster, H. 2001. Auch der Wald hat seine Geschichte, Der deutsche Wald, 2001, Abb. 2 (online: http://www.buergerimstaat.de/1_01/wald02.htm).

Küster, H. 1999. Naturschutz und Ökologie – Bewahren des Wandels. – Biologen heute. Mitteilungen des Verbandes Deutscher Biologen e.V. und biowissenschaftlicher Fachgesellschaften 445, 5/99, Abb. 4.

Eine Publikationsliste von Hansjörg Küster findet sich hier:
http://www.geobotanik.uni-hannover.de/kuester.html?&no_cache=1&tx_tkinstpersonen_pi1%5BshowUid%5D=5&tx_tkinstpersonen_pi1%5Bpublikationen%5D=1

 

 

 

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